18.12.2013 |  Markt

Experteninterview: Den Wandel in der Restrukturierung erfolgreich gestalten

Viele Restrukturierungsprojekte beschäftigen sich in erster Linie mit Kosteneinsparungen. Warum die Steigerung der Innovationsfähigkeit und das Herbeiführen eines kulturellen Wandels ebenso wichtig sind und wie ein Interim Manager erfolgreich unterstützen kann, erläutert Martin Steidl, Experte für Krisen- und Sanierungsmanagement.

Herr Steidl, Sie haben als Interim Manager bereits einige Unternehmen in der Krise erfolgreich saniert. Welche Wege sind Sie dabei gegangen?

Bei vielen Sanierungsprojekten steht eine drastische Kostenreduzierung im Vordergrund, vielfach wird sie als einzige Sanierungsmaßnahme angesehen. Eine erfolgreiche Sanierung muss immer eine nachhaltige Ergebnisverbesserung zum Ziel haben. Dies kann durchaus Kostensenkungen einschließen, aber genauso gut Investitionen in neue Märkte bedeuten. Aus meiner langjährigen Erfahrung habe ich gelernt: Ausschließlich mit Kostensenkungen wird ein Unternehmen eine bestandsgefährdende Krise nicht überstehen. Nur ein ganzheitlicher Ansatz, der alle relevanten Einflussfaktoren wie beispielsweise technologische oder konjunkturelle Brüche berücksichtigt, ist erfolgversprechend. Der Zeithorizont einer umfassenden Sanierung ist zwar länger als bei einem reinen Kostenprogramm, dafür jedoch deutlich nachhaltiger.

 

Hartes Kostenmanagement allein reicht in den meisten Fällen nicht aus. Restrukturierungen erfordern in der Regel einen tiefgreifenden Unternehmenswandel. Welche Voraussetzungen muss ein Interim Manager mitbringen, um diesen erfolgreich mitzugestalten?

Der Sanierungsmanager, der häufig als Sanierungsgeschäftsführer eingesetzt wird und damit die entsprechende Haftung übernimmt, muss eine klare Vorstellung von der notwendigen strategischen Neuaufstellung des Unternehmens in seinen Märkten haben. Zu Recht spricht man vom „Leitbild des sanierten Unternehmens“, welches die Richtung und die Geschwindigkeit der Sanierung vorgibt. Um es auf den Punkt zu bringen: Strategischer Weitblick, eine unternehmerische Vision und exzellente Markt- und Branchenkenntnisse gehören unbedingt in den Werkzeugkasten eines erfolgreichen Sanierers.

 

Gerade für kriselnde Unternehmen ist es wichtig, die Innovationskraft zu stärken und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Wie kann der Interim Manager in Restrukturierungsprojekten ein Klima schaffen, in dem Innovationen gefördert werden?

Um einer durch die Krise verunsicherten Belegschaft die für Innovationen notwendigen Freiräume zu geben, muss man zunächst an der Wiederherstellung des Selbstbewusstseins arbeiten. Das heißt, den Schreibtisch verwaisen lassen, im Unternehmen präsent sein und die Überzeugung vorleben, dass man gemeinsam die Zukunft des Unternehmens gestalten kann. Ein solches Selbstbewusstsein schafft man nur durch ständiges Ermuntern und beständiges Vorleben. Dem Umgang mit Fehlern kommt eine Schlüsselrolle zu. Wenn wir Fehler offen ansprechen, gemeinsam Vermeidungsstrategien erarbeiten und Fehler nicht als Werkzeug zur Disziplinierung missbrauchen, können Fehler zu gemeinsamen Lernanstößen werden.

 

Veränderungsprozesse bringen häufig Verunsicherungen mit sich, Widerstände in der Belegschaft sind vorprogrammiert. Wie gelingt es einem Interim Manager, die Mitarbeiter für die geplanten Veränderungen zu gewinnen? Welchen Hürden steht man als externer Restrukturierer gegenüber?

Die Widerstände, die ein externer Sanierer überwinden muss, sind vielfältiger Natur. Er muss mit technischen Widerständen rechnen wie Qualifikationsdefizite oder mangelnde Ressourcen, aber auch mit psychologischen Widerständen. Das kann Angst vor Unbekanntem oder Angst vor einem Machtverlust sein. Daneben gibt es auch kulturelle Widerstände wie etwa die Verherrlichung der Vergangenheit.

Der Sanierungsmanager stößt ebenso häufig auf ein Problem, das in der Medizin als „Kognitive Dissonanz“ bezeichnet wird. Gibt es zwischen der Realität und meiner Vorstellung von der Realität Abweichungen, die zu Lasten meiner Vorstellung gehen, neige ich eher dazu, meiner Vorstellung zu folgen, als die bittere Wirklichkeit zu akzeptieren. Bei psychologischen Widerständen dieser Tragweite muss der Sanierungsmanager ein besonders hohes Maß an Sensibilität an den Tag legen.

Im Grunde geht es darum, die Mitarbeiter auf dem Weg der Sanierung „mitzunehmen“, also Betroffene zu Beteiligten zu machen. Hier hilft eine gleichermaßen zielgerichtete wie menschliche, authentische Kommunikation, die angesichts knapper Zeit mitunter sehr schwer fällt. Der Grundsatz „Hart in der Sache, verbindlich im Ton“ bietet hier eine gute Orientierungshilfe.

 

Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtschafts-Ing. Martin Steidl ist als Interim Manager in den Gebieten Krisen- und Sanierungsmanagement, strategische Unternehmensführung und Controlling tätig. Er ist Inhaber der STEIDL Unternehmensberatung. Kontakt: m.steidl@steidl-partner.de